Wer Taktik mag, wird Frozen Synapse lieben

Frozen Synapse ist ein Geheimtipp. Ein winziges Team aus Oxford hat dieses Taktik-Spiel geschaffen, und es ist etwas vom Besten, was Strategie-Fans spielen können. Keine Zufälle, keine langatmigen Phasen, Fehler werden erbarmungslos bestraft, das beste Hirn gewinnt. So wie das sein muss.

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In Frozen Synapse leiten wir den Einsatz eines Teams von Soldaten. Mit unterschiedlichen Aufträgen: Jemanden sicher eskortieren, Geiseln befreien, eine Stellung verteidigen oder umgekehrt einen Engpass freimachen. Wir blicken dabei von oben auf einen Raum, der stilisiert in Blautönen dargestellt wird. Unsere Soldaten sind grün, die des Gegners rot.

Das Spiel ist in Züge aufgeteilt: In einer Plan-Phase sagen wir jedem Soldaten, was er im nächsten Zug tun soll. Der Gegner (ein echter Spieler oder der Computer) tut das gleiche. Wenn beide mit ihrem Zug zufrieden sind, wird er ausgeführt, und wir sehen, ob alles so herausgekommen ist wie geplant.

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Die Anweisungen an die Soldaten sind einfach, mit komplexen Auswirkungen. Wir können den Weg einzeichnen, den ein Soldat zurücklegen soll. Wir können ausserdem sagen, ob der Soldat stehen oder sich ducken soll, ob er in eine bestimmte Richtung schauen soll, und ob er alle oder bestimmte Gegner ignorieren oder sich im Gegenteil auf sie konzentrieren soll. Mit der Leertaste können wir unser Team den Plan durchspielen lassen, um zu testen, ob er aufgeht.

Wir sehen auch, wo die Figuren des Gegners stehen. Doch weil wir und der Gegner den nächsten Zug gleichzeitig planen, wissen wir nur, wo die Roten jetzt gerade stehen – sobald der Zug dann tatsächlich ausgeführt wird, bewegen sie sich auch. Wir müssen also antizipieren können, was der Gegner plant und wo sich seine Soldaten hinbewegen werden. Frozen Synapse unterstützt diese Überlegungen, indem wir in der Plan-Phase nicht nur unsere eigenen Soldaten „programmieren“ können, sondern auch die des Gegners – wir können also konkret ausprobieren, was passieren würde. Vorausgesetzt natürlich, dass sich der Gegner dann auch tatsächlich so verhält, wie wir glauben.

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Diese Antizipieren ist vergleichbar mit der Spielweise im Schach – doch weil die Bewegungen viel komplexer sind, ist genau dieses Ausprobieren oft nötig. Wir haben ja kein Schachbrett, die Figuren bewegen sich frei.

Wenn dann geschossen wird, ist nichts daran zufällig. Es ist immer eindeutig, wer ein Feuergefecht gewinnen wird. Ein Soldat in der Deckung ist einem im freien Raum überlegen. Wer still steht, zielt genauer als einer in Bewegung. Es gibt ausserdem fünf verschiedene Einheiten. Ein Soldat mit Shotgun ist auf kurze Distanz überlegen, hat aber eine eingeschränkte Reichweite. Ein Scharfschütze kann im Gegenteil fast durch den ganzen Raum schiessen, doch wenn ihm jemand zu nahe kommt, ist er geliefert. Handgranaten prallen von Wänden ab, Raketenwerfer können sogar Wände zerstören. Doch sie bewegen sich langsam und brauchen lange zum Nachladen. Und die abgefeuerte Rakete trifft meist erst im nächsten Zug, man muss also noch ein bisschen weiter vorausdenken.

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Nahkämpfer bewegen sich schneller als Fernkämpfer und machen so ihre eingeschränkte Reichweite wett. Wände und halbhohe Mäuerchen können als Deckung genutzt werden. Es ist essentiell, diese Deckung und sich daraus ergebende Schusslinien in die Planung einzubeziehen.

All diese Möglichkeiten machen den Einstieg in das Spiel etwas hart. Ein schönes Tutorial mit sarkastischen Bemerkungen („Your skill with clicking is astonishing.“) zeigt uns alles Nötige, und im Einzelspieler-Modus kann man sich erst mal alleine an das Spiel gewöhnen. Doch zu Beginn fällt vor allem das Vorausdenken schwer. Man reagiert viel zu oft auf die Situation, die man vor sich sieht. Und wird dann überrascht, wenn sich der Gegner bewegt. Gut wird man erst, wenn man beginnt, den Gegner richtig zu antizipieren, wenn man ihm die eigene Taktik aufzwingt, statt nur zu reagieren. Und wenn man mal erste Erfolgserlebnisse hatte, lässt das Spiel nicht mehr los.

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Frozen Synapse verzeiht keine Fehler – weder im Einzelspieler gegen den Computer noch online gegen menschliche Gegner. Es ist hart, aber fair. Präzision ist wichtig: Wer einen Soldaten etwas zu weit hinter einer Mauer hervorlugen lässt, öffnet vielleicht eine Schusslinie für einen Scharfschützen. Oder man lässt einen Soldaten im freien Raum stehen, weil man ungeduldig wurde. Man wartet umgekehrt zu lange zu und überlässt dem Gegner die Aktion. Man versucht durchzurennen, statt sich in die sichere Deckung zurückzuziehen. Man schaut in eine Wand und hätte den Gegner hinter sich erwischt, wenn man daran gedacht hätte, den Soldaten umzudrehen. Leichtsinn, Ungeduld, fehlende Konzentration führen immer zum gleichen Resultat: Tote Männer im Feld. Und deshalb ist das Spiel schnell, obwohl es Zug um Zug ausgeführt wird. Einmal nicht aufgepasst und die Mission ist verloren.

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Im Einzelspieler-Modus kann man eine Mission natürlich wiederholen, wenn sie fehlschlägt. Der Grundriss des Raums und die Anfangsstellung der Soldaten darin wird aber jedes Mal zufällig verändert. Das ist wichtig: Denn nur so ist unsere Taktik entscheidend, um die Mission zu gewinnen. Wenn Raum und Positionen immer gleich wären, hätte man mit mehreren Versuchen einfach auswendig lernen können, wie sich der Computer bewegen wird. So hätte man dann nicht mehr
gewonnen, weil man besser taktiert hat, sondern weil man einfach schon im Voraus wusste, was der Computer tun wird. Und das hätte das eigentliche Spiel-Prinzip zerstört – dass man eben genau nie weiss, was der Gegner tun wird. An solchen Design-Entscheiden kann man ablesen, wie gut die Entwickler ihr Spiel durchdacht haben.

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Wenn wir Frozen Synapse alleine spielen, erzählt es uns eine Geschichte über eine Rebellion gegen eine totalitäre Staatsmacht. Wir sind mitten in einem Bürgerkrieg, es gibt neben den Rebellen viele andere Fraktionen mit unterschiedlichen Interessen. Religiöse Fanatiker kochen ihr eigenes Süppchen. Schon in einer der ersten Missionen schiesst ein Verbündeter auf Zivilisten, was wir nicht verhindern können – und was uns dem berechtigten Vorwurf aussetzt, nicht Rebellen, sondern Terroristen zu sein. Die Geschichte ist vielschichtig, die Stimmung düster, was mit einem hervorragenden Soundtrack von nervous_testpilot (Trance mit Dubstep-Anleihen) unterstrichen wird.

Wer sich für clever genug hält, kann die Computergegner gegen echte Spieler tauschen und online spielen. Weil Frozen Synapse Zug um Zug gespielt wird, kann man mehrere Spiele gleichzeitig spielen. Während ich in einem Spiel auf den Zug des Gegners warte, kann ich zu einem anderen wechseln und dort meinen nächsten Zug planen. Zwischen Spielen hin und her zu springen geht leicht und schnell – und weil man sich jederzeit auch bereits gemachte Züge noch einmal anschauen kann, verliert man auch bei vier, fünf gleichzeitigen Spielen den Überblick nicht. Modernes Simultan-Schach.

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Frozen Synapse geht sogar noch einen Schritt weiter: Da es keine Beschränkung der Bedenkzeit gibt, kann man ein Spiel sogar mittendrin unterbrechen und offline gehen. Sobald ein Gegner einen Zug gemacht hat, wird man per Email benachrichtig. Es ist ein bisschen wie Schach per Email, und besonders geeignet für Leute, die nicht jeden Abend stundenlang online sein können.

Es gibt verschiedene Online-Spiel-Modi: Alle gegnerischen Soldaten besiegen, eine Stellung verteidigen oder angreifen, Geiseln befreien oder einen bestimmten Bereich erobern. All diese Varianten können „Dark“ oder „Light“ gespielt werden. „Light“ bedeutet, dass man jederzeit jeden Gegner sehen kann. „Dark“ bedeutet, dass sie verschwinden, wenn sie sich nicht mehr im Sichtfeld der eigenen Soldaten befinden. Die Varianten können gezielt oder zufällig ausgewählt werden, Gegner bekommt man automatisch zugeteilt. Ein Level-System sorgt dafür, dass die einigermassen ebenbürtig sind. Einzelne Kämpfe werden aufgezeichnet und können auch nachgeschaut werden, sowohl die eigenen als jene von anderen – vertieftes Taktik-Studium ist so sehr einfach möglich.

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Mode 7 ist ein winziges Studio in Oxford (UK), mit nur drei Festangestellten und ein paar Freelancern. Mit Frozen Synapse ist ihnen ein Meisterwerk gelungen. Wer taktische Strategie mag, kommt um diesen echten Geheimtipp nicht herum.

Frozen Synapse ist für Windows und Mac, man kann es bei Mode 7 direkt oder z.B. über Steam kaufen. Es ist nicht PEGI-klassifiziert, ich würde es als ab 16 einschätzen. Das Haikiew ist hier.
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