El Shaddai: Glorreich verwirrende Engel

Kein Spiel hat mich je so verwirrt zurückgelassen. «El Shaddai» bedient sich jüdisch-christlicher Mythologie und brennt ein üppiges visuelles Feuerwerk ab, das uns meditativ entrückt. Ein absolut aussergewöhnliches Spiel, und darum absolut spielenswert. 

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Die Handlung von «El Shaddai» bezieht sich auf das Buch Enoch, ein jüdischer religiöser Text, der ungefähr 300 Jahre v. Chr. entstand. Zwar ist das Buch Enoch weder Teil des jüdischen noch des christlichen Kanons – es gilt aber als eines der ersten Werke, das Himmel und Hölle beschreibt.

Es erzählt die Geschichte von gefallenen Engeln, die auf die Erde hinabsteigen und mit den Menschen Kinder zeugen, die Nephilim. Die Engel errichten Reiche, machen sich zu Göttern – was dem einzigen Gott selbstverständlich missfallen muss. Der holt sich deshalb einen Menschen mit besonders reinem Herzen in den Himmel – Enoch («entrücken» nennt man das). Und gibt ihm den Auftrag, die gefallenen Engel zurückzuholen, notfalls mit Gewalt.

Das Spiel heisst mit vollem Namen eigentlich «El Shaddai: Ascension of the Metatron». Metatron ist ein hochrangiger Engel, ich kann mich allerdings nicht erinnern, dass der im Spiel je vorkommt – eben, verwirrend.

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Dass jemand diesen Stoff für ein Spiel ausgräbt, ist wohl einmalig. «El Shaddai» wird von UTV Ignition Entertainment herausgebracht, ein Unternehmen, das aus einem angloamerikanischen Browser-Spiel-Studio und einer indischen Telekom-Firma hervorgegangen ist. Aufgefallen ist mir dieser Verleger bis jetzt eigentlich nur mit dem hervorragenden «Muramasa: The Demon Blade». Jedenfalls soll der CEO persönlich bereits vor vier Jahren beschlossen haben, ein Spiel über das Buch Enoch zu machen. Er holte sich dazu gezielt Takeyasu Sawaki. Der war früher bei Capcom (z.B. Devil May Cry), später bei Clover, dort als Lead Character Designer für Okami. Und als Clover dichtmachen musste und Sawaki damit zwangsweise Freelancer wurde, reiste dieser CEO stante pede nach Japan, mit einer Carte Blanche für Sawaki im Handgepäck (mehr zu dieser aussergewöhnlichen Entstehungsgeschichte gibt es im Making-of von Keza MacDonald auf Eurogamer, und auch ihr Review ist äusserst lesenswert).

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Sawaki erhält also den Auftrag, ein Spiel zu entwickeln über einen Menschen, der von Gott auf die Erde geschickt wird, um abtrünnige Engel zur Räson zu bringen. Und Sawaki zieht alle Register der Crazy-Kartei. «El Shaddai» ist visuell schlicht atemberaubend. Wir beginnen in einer eisigen, lichten Welt, aquarellähnlich gezeichnet, viel Weiss und Hellblau. Wir steigen einen Turm hoch, der in Lava-Rot leuchtet, vor dem Hintergrund eines riesigen Feuerwerks. Wir streifen durch einen stilisierten Wald aus dunklen Silhouetten. Wir springen über schaumige Wellen, durch psychoaktive Pilzlandschaften, fahren Motorrad in einer Cyberpunk-Stadt, steigen abstrakte Lichttreppen hoch oder verfolgen das Duell zweier Kämpfer als riesig vergrösserte Schatten auf einer Papierwand. Die Welten kümmern sich nicht um Konsistenz, das Spiel lebt im Gegenteil davon, dass wir ständig überrascht werden, wo wir als nächstes hineingeworfen werden. Gegen Schluss werden die Landschaften abstrakter, geometrischer – aber auch diesen Eindruck einer gewissen Regelmässigkeit könnte mir meine Erinnerung nur vorgaukeln. Das Team um Sawaki hat Wege gefunden, die Kreativität komplett zu entfesseln und neue Welten geschaffen.

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Die groben Bogen der Geschichte sind zwar nachvollziehbar, die üppigen Details dagegen komplett konfus – und ich habe als Konsument japanischer Popkultur eigentlich eine recht hohe „Häähh??“-Toleranz. Für mich – wie wohl für die meisten – ist der Fundus, aus dem «El Shaddai» schöpft, unbekannt und exotisch. Und wie beim Visuellen hat man sich auch inhaltlich nicht eingeschränkt oder der Vorlage gegenüber verpflichtet gefühlt. Der gefallene Engel Ezekiel z.B. tritt in der Gestalt eines Grossmütterchens auf, die sich drei riesige Kampfschweine in eindrücklicher Plattenrüstung hält, mit den grossartigen Namen Foola, Woola, und Boola. Oder diese Nephilim-Kreaturen, die aus der «Vereinigung» (= Sex) von Engeln und Menschen entstanden, aussehen wie Wurmpimmel und sich selber auffressen, was zu schrecklichen Feuermonster-Mutationen führt. Ich sagte ja: Crazy!

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Wir steuern Enoch, einen sehr metrosexuellen Jüngling mit blonder Mähne und blauen Augen, mit beeindruckender Brustmuskulatur und in Jeans, die tief sitzen, eng anliegen und gut gefüllt sind (und die es in einer Cross-Marketing-Aktion offenbar auch zu kaufen gibt). Begleitet wird Enoch von Luzifel, einem Erzengel, eine Art rechte Hand Gottes. Luzifel (nicht Luzifer, der «Lichtbringer», von lat. «lux» und «ferre», denn alle Erzengel ausser Metatron enden in -el, und drum nennen wir den Luzifel). Der ist noch nicht Teufel, denn die Geschichte vom gefallenen Erzengel, der zum Gegenspieler Gottes wird, entstan
d im Christentum erst später. Dieser Luzifel ist im Gegenteil ein netter, fröhlicher Kerl (auch wenn er seinen Hang zur Manipulation bereits andeutet), der durch die Zeit reisen kann und uns jeweils per theatralischem Finger-Schnipp in eine andere Welt katapultiert. Und der per Handy mit Gott telefoniert, wenn wir an einem Speicherpunkt angelangt sind, und Gott unsere Leistungen rapportiert, meistens im Stile von «Er hatte etwas Mühe. … Ja, wir arbeiten dran. … Ich weiss auch nicht, was er sich dabei gedacht hat. »

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Der schwarz gekleidete, schwarzhaarige Luzifel ist das Yang zu Enochs blondem Ying, und die beiden strahlen eindeutige Homoerotik aus. Beide sind gross und unwiderstehlich schlank, stellen knackige Hinterteile heraus, haben Bauch und Brust wie aus Marmor und tragen ihre Jeans eng und tief. Die Geschichte ist zwar asexuell, aber das Charakter-Design ist optisch an Yaoi angelehnt. Das ist ein Genre japanischer Comics, das es schon seit Ende der 70er gibt, das von Frauen gezeichnet und gelesen wird, und das schöne schwule Jünglinge beim Knutschen zeigt (und mehr). In der Regel ganz ohne Geschichte, man beschränkt sich auf die «yummy parts» (Wikipedia). Diese Nähe ist nicht nur mir aufgefallen: Kaum waren die ersten Trailer zum Spiel erschienen, begannen Amateur-Illustratoren sogleich, Enoch und Lucifel als heisses Paar abzubilden. In einem beliebten japanischen Bilder-Netzwerk gibt es mittlerweile über 20’000 Illustrationen der beiden, und viele davon sind eindeutig im Yaoi-Genre anzusiedeln.

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Und all diese popkulturellen Querverweise, abgefahrenen Ideen und Religions-nerdigen Anspielungen verwirren grenzenlos, immer eins mehr. Das ist Konzept – man könnte die Thesen wagen, dass uns das Spiel so lange gezielt verwirrt, bis wir endlich loslassen. Denn das ist genau das zentrale Problem mit der Religion eines modernen, aufgeklärten, säkularen Menschen: Dass wir nicht in der Lage sind, den Glaubenssprung zu wagen, Dinge zu glauben, die man eigentlich nicht glauben kann. Als religiöser Mensch muss man die Ratio beiseite legen können, loslassen und springen. Und diese Erfahrung versucht das Spiel zu vermitteln: Den Zwang, verstehen zu wollen, einfach loszulassen. Es verwirrt uns so lange, bis wir nicht mehr anders können, als uns der Meditation hinzugeben.

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Die Spielmechanik arbeitet stellenweise etwas arg gegen dieses Ziel. «El Shaddai» ist ein «One Button Hack & Slash» – es geht darum, im richtigen Rhythmus den Angreifen-Knopf zu drücken und so möglichst spektakuläre Schwertkampf-Kombinationen auszuführen. Die Action-Abschnitte werden von Sprung-Passagen unterbrochen, und dieses Springen würde ich schlicht als total missraten bezeichnen. Denn die Kamera lässt sich nicht bewegen, manchmal befindet sie sich hinter Enoch, manchmal weicht sie ganz zur Seite aus und stellt das Spiel in klassischer «2D von der Seite»-Jump&Run-Perspektive dar. Das Springen ist äusserst pingelig, einen Millimeter daneben bedeutet Absturz. Besonders in der räumlichen Darstellung ist es häufig völlig unmöglich, Distanz und Winkel zur nächsten Plattform richtig einzuschätzen, wir springen also x-mal unabsichtlich ins Leere. Zwar bestraft das Spiel diese Abstürze nicht, doch gegen Ende liegen die Speicherpunkte immer weiter auseinander, was uns zwingt, zu lange Passagen zu oft zu wiederholen. Das ist umso frustrierender, je grösser die Neugier ist, zu welchem abgefahrenen Schauplatz uns das Spiel wohl als nächstes führen wird.

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Doch erstaunlicherweise hat mir dieses Problem das Spiel nicht verdorben. Denn «El Shaddai» ist ein Spiel wie kein anderes. Es überrascht mit ungezügelter Fantasie und schafft eine Welt, die man nirgendwo sonst erleben kann.

«El Shaddai» ist für Playstation 3 und Xbox360, es ist ab 12. Das Haikiew ist hier.

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