Gears of War 3: Feuerwerk in Braun

In einer zerstörten Welt aus graubraunen Trümmern kämpfen echte Männer mit breiten Stiernacken gegen gelb leuchtende Schleiminsekten-Zombies. Das ist Gears of War 3, ein unbestritten hervorragendes Spiel. Das mir überhaupt nicht gefällt.

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Es gibt ein englisches Wort, das man nicht auf Deutsch übersetzen kann, das aber exakt beschreibt, wie Gears of War 3 funktioniert: «set piece (noun): a thing that has been carefully or elaborately planned or composed, in particular: a self-contained passage or section of a novel, play, film, or piece of music arranged in an elaborate or conventional pattern for maximum effect; a formal and carefully structured speech; a carefully organised and practiced move in a team game by which the ball is returned to play; an arrangement of fireworks forming a picture or design.»

Diese «set pieces» sind das zentrale dramaturgische Instrument des Spiels. Wir kämpfen auf einer einstürzenden Brücke gegen ein Riesen-Schleimmonster. Wir bewegen uns durch eine gespenstische Stadt voller Menschen, die durch eine gewaltige Explosion zu Figuren aus Asche erstarrt sind, wie beim Untergang von Pompeji, eingefrorener Horror. Wir verteidigen ein Fort gegen Welle um Welle eines übermächtigen Gegners. Wir rasen auf Lastwagen durch Strassenblockaden, entschärfen Sprengsätze an einer Bezinleitung in einer Geisterstadt oder kämpfen uns aus einem untergehenden Schiff frei. Oder einer unserer Hauptfiguren, ein Ex-Football-Spieler, hat ein Flashback und rennt durch ein zerbombtes Football-Stadion als wäre es noch in Betrieb, doch statt Football trägt er eine Bombe und statt gegnerischen Spielern umkurvt er Leuchtmutanten.
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Jede dieser Szenen ist so ein «set piece»: Präzise choreografiert, überraschend und aufregend, sie werden uns in schneller Folge um die Ohren gehauen, fast ohne Atempausen oder Durchhänger. Im Kampf bewegen wir uns zwar schon frei, aber wir spüren, dass uns das Spiel eine Bühne hinstellt, die gezielt so gebaut ist, dass wir darauf möglichst spektakulär schauspielern, den Held mimen können.
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Gears of War 3 fühlt sich an, als hätte es sich ein Teenager mit ADHS ausgedacht. Genau das findet ein mit Hormonen gut gefüllter Zappelphilipp «COOL!!». Wie in einem Film von Michael Bay geht es ausschliesslich darum, es knallen zu lassen. Filme wie Transformers wollen uns nicht etwa eine Geschichte erzählen; die Geschichte ist lediglich Vorwand, um uns von Explosion zu Roboter zu Muscle Car zu Knackige-Frau-rennt-auf-die-Kamera-zu-in-Slow-Motion zu chauffieren. Genau nach diesem Prinzip funktioniert auch Gears of War 3, mit dem Bonus, richtig widerlichen Schleimmonstern in die Fresse schiessen zu können.

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Auch auf einer mehr technischen Ebene macht Gears of War 3 alles richtig: Die Waffen sind unterscheidbar und gut voneinander abgegrenzt, sie ermöglichen unterschiedliche Spielstile (Suche ich den Nahkampf oder bleibe ich lieber auf Distanz?). Die Schauplätze sind manchmal eng, manchmal weit, was Variation in eben diesen Spielstilen ermöglicht. Gegner kommen nicht immer uniform von vorn, es gibt immer wieder mal Szenen, die fröhliches Chaos und Gegner von allen Seiten bieten. Und die Unreal Engine holt alles aus der Xbox heraus – Hersteller Epic hat die Gears-of-War-Serie immer schon als stolzes Präsentations-Vehikel ihrer Engine gesehen, und das tun sie auch hier auf eindrückliche Weise. Kaum ein anderes Spiel stellt Streiflicht oder Staub so schön dar. Naja, «schön» ist in dieser kaputten Welt vielleicht der falsche Ausdruck, aber ihr wisst, was ich meine.
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Kleine Makel fallen dabei kaum ins Gewicht. Ab und zu war das Spiel etwas stur, bis es mich weitermachen liess. Ich hatte z.B. einen Ausgang schon gefunden, aber weil irgendwo noch ein einsamer Gegner herumstand (und sich hinter einer Kiste verhakt hatte, statt auf mich zuzurennen), liess er sich nicht öffnen. Wenn man dann eine blöde Bombenratte suchen gehen muss, nur um ein Tor öffnen zu können, zerfällt die Illusion der Non-Stop-Action. Auch meine computergesteuerten Kumpane stehen manchmal dämlich im Weg – das passiert allerdings selten, was an sich schon eine beachtenswerte Leistung ist.
Trotz alledem gefällt mir Gears of War 3 überhaupt nicht. Ich kann zwar verstehen, warum die Serie und besonders diese dritte Ausgabe gelobt und geliebt werden. Aber jede kreative Entscheidung der Designer stösst mich vor den Kopf.

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Da wären zunächst die Figuren. Ich habe wirklich versucht, mich auf diese Typen einzulassen. Ich habe versucht, die Oberarme, die breiter sind als meine Schenkel, die Stiernacken, die total männlichen Sprüche, ironisch zu sehen, als Action-Klischees, als Kommentar des Genres, als Schablonen. Oder sie umgekehrt ernst zu nehmen und als Charaktere zu verstehen, deren Welt zerstört ist, die alles verloren haben, Freunde, Familie, Sinn, der Krieg ist das letzte was ihnen geblieben ist, die einzige verlässliche Konstante. Ab und zu blitzen Momente auf, die solche Lesarten andeuten (der Abschied von Dom zum Beispiel). Doch auf die Dauer hat be
ides nicht funktioniert, die Figuren und ihre Sprüche sind mir einfach zu platt und zu dumm. 

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Auch die Welt ist keine, in der ich mich lange aufhalten will. Konsequent, ja, aber halt eben schon sehr braun und grau, alles zerstört, und voller Monster – und deren Gestaltung macht mir noch mehr Mühe. Ich mag weder Spinnen noch Zombies noch Insekten noch Splatter-Schleim, und praktisch jeder Gegner ist ein Monster aus diesen Zutaten. Ich mag keine Gesichter, aus denen faulende Insektenbeine ragen, aber das Spiel hat sich entschieden, genau diesen Aspekt auf Rechtsanschlag zu drehen.

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Und schliesslich hatte ich Mühe mit der Spielmechanik. Gears of War wird aus der Perspektive hinter der gesteuerten Figur gespielt – also nicht First Person, sondern Third Person, wir sehen unsere Hauptfigur vor uns, statt in ihrem Kopf durch ihre Augen zu sehen. Dazu setzt die Serie auf das Prinzip Deckung: In der Regel rennen wir durch den offenen Raum bis zur nächsten Mauer und kauern uns dort hin. Verletzlich sind wir meistens nur, wenn wir über die Mauer lugen und auf Gegner zielen. Mit dem richtigen Timing ist man deshalb fast nie direkt unter Beschuss. Das Spiel versucht zwar meisterlich, uns immer wieder aus der Deckung zu zwingen (z.B. mit Beschuss durch Lenkraketen, oder mit Gegnern, die uns flankieren), doch grundsätzlich sind wir in der Deckung sicher. Das nimmt Druck weg, und folglich auch Adrenalin.

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Dagegen wirft uns Gears of War 3 häufig Gegner entgegen, die eine einfache Taktik haben: Auf uns zurennen. Leuchtzombies z.B. oder explodierende Käfer. Das wirkt seltsam schizophren. Was jetzt, vorsichtig, strategisch vorgehen, aus der Deckung operieren, präzise Gegner eliminieren, Munition sparen? Oder doch Run & Gun und möglichst chaotische, spektakuläre Action? Gears of War 3 versucht, beides irgendwie zu vermengen. Und genau diese Mischung ist wohl der Grund dafür, dass die Serie so erfolgreich ist. Doch für mich macht sie keinen Sinn.
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All diese Entscheide hat Epic bewusst gefällt, und was mich abstösst, finden andere genau das Gute an Gears. Ich kann nachvollziehen warum, und ich respektiere das grossartige Handwerk, aber diese schizophrene Welt aus Schlamm und Schleim mit ihren tumben Anabolika-Brocken ist nicht die meine.

Gears of War 3 ist für die Xbox360, es ist ab 18. Das Haikiew ist hier.
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8 Gedanken zu “Gears of War 3: Feuerwerk in Braun

  1. Super jemand testet ein shooter dem das genre nicht gefällt! Das ist ja das gleiche wi wenn man den president der grünen einen ferrari testen lässt!!! Einfach nur lächerlich! 😦

  2. Wo hast du den Eindruck her, dass mir das ganze Shooter-Genre nicht gefällt? Dieser eine Shooter gefällt mir nicht, Gründe siehe oben. Einige Beispiele von Shootern, die mir sehr wohl gefallen haben: <a href="http://guido.posterous.com/halo-reach-die-ehrenrunde-des-siegers">Halo Reach</a>, <a href="http://guido.posterous.com/battlefield-bad-company-2-online-shooter-fur">Battlefield Bad Company 2</a>, <a href="http://guido.posterous.com/alien-swarm-schadlingsbekampfung-mit-freunden">Alien Swarm</a> oder <a href="http://guido.posterous.com/modern-warfare-2-no-russian-moral-und-hyperre">Modern Warfare 2</a>. Zählt Borderlands? Hab ich nicht besprochen, findi aber trotzdem gut.

  3. Hast du das Spiel auch mal zusammen mit 2-3 Freunden im koop Modus getestet? Da liegt nähmlich wie ich finde die grösste stärke der GOW-Serie!

  4. Nein, habe ich nicht. Ich habe mich im Review darum auch auf die Single-Player-Kampange beschränkt. Multiplayer-Elemente zu besprechen, sind für mich immer schwierig, weil ich ein Spiel pro Woche durchheize.Ich finde allerdings, dass man auch im Koop die Welt und den komischen Mix aus Vorsicht und Run & Gun mögen muss; auch wenn das da wohl etwas weniger ins Gewicht fällt.

  5. Ich akzeptiere deine Meinung zum Spiel, jedes Spiel hat Fans und Gegner. Was ich an diesem Test allerdings sehr schlecht finde, ist der Spoiler. Gott sei Dank habe ich das Spiel schon durch und genossen. Ich bitte dich, diesen Spoiler für zukünftige Leser zu entfernen. Ich denke, du weisst, welchen ich meine…

  6. Schau mal hier, ich beuge mich lediglich der Wissenschaft: <a href="http://www.drs3.ch/www/de/drs3/sendungen/top/digital/288488.zu-viel-wissen-ist-besser.html">Zu viel wissen ist besser</a>.Mit anderen Worten: Der ist mir da nicht zufällig reingerutscht, und in der Formulierung glaube ich nicht, dass irgendjemand weniger Spass am Spiel hätte. Es geht um eine wirklich gute Szene, die ich erwähnen wollte. Und die in Reviews häufig anzutreffenden umständlichen Umschreibungen sind einfach unleserlich.

  7. Stimme hier Guido ganz zu. Ich habe die Demo gespielt und habe entschieden, dass ich auf Battlefield 3 und Modern Warfare 3 warten werde und GoW3 einem anderen (jüngeren?) Publikum überlasse. @Michael, ich finde diese Review war sehr gut und hat durchaus ihren Wert. Ich lese Kritiken zur Hilfe bei der Kaufenscheidung. Der Trick ist, Kritiker zu finden, die einen ähnlichen Geschmack zu dir selbst haben. Wenn man dann einige Beitrage desselben Autors gelesen hat, weiss man besser, wieviel Gewicht man dem Artikel geben kann. Und ich glaube Guido hat klar abgegrenzt, was ihm persönlich nicht gefallen hat und was anderen Leuten gefallen wird.

  8. Ich habe den ersten Teil von Gears of War gespielt, weil das Spiel damals in allen Reviews hoch gelobt worden ist. Aber mir ging’s damit ähnlich wie Guido bei Teil 3: ich musste zwar anerkennen das das Spiel technisch beeindruckend ist und die Spielmechanik solide und abwechslungsreich, letztendlich haben mich die quadratischen Muskelpakete mit den riesigen Stiefeln (hat mich immer an Mafiosi erinnert, die ihre Opfer mit Beton an den Füssen im Fluss versenken 😉 und dem tumben Hau-Druff-Konversationen der Protagonisten davon abgehalten mehr als ein paar Stunden mit dem Spiel zu verbringen.Somit ist es wohl einfach eine Frage des Geschmacks ob man Gears of War mag oder nicht. Interessant finde ich, dass mir Filme von Michael Bay auch nicht gefallen. Vielleicht sollte man sich GOW nur antun, wenn man Bays Filme mag – oder solche von Uwe Boll 🙂

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