Facebook und die Macht der Maschine

Friendship
«The Friendship Algorithm» aus «The Big Bang Theory», via Flickr/MnGyver

Die wichtigste der kürzlich vorgestellten Neuerungen in Facebook ist nicht etwa die etwas gar atemlos aufgenommene Timeline. Sondern die neue Philosophie des Teilens, die sich zunehmend in Facebook breitmachen wird. «Read», «Listen», «Watch» werden in Zukunft nicht mehr einzelne Aktionen sein, die wir gezielt auslösen, im Sinne von «Ich höre oder lese gerade das hier, und glaube, dass meine Freunde das auch gut finden könnten». Stattdessen wird das im Hintergrund automatisiert passieren: Alles was ich lese, höre oder schaue wird auf Facebook geteilt. Und dazu braucht es abgesehen von einem grundsätzlichen Einverständnis kein weiteres Zutun.

Farhad Manjoo kritisiert diese Entwicklung (Slate, «Not Sharing Is Caring») vor allem mit diesem Argument: «Facebook is killing taste. […] [S]haring is fundamentally about choosing. You experience a huge number of things every day, but you choose to tell your friends about only a fraction of them, because most of what you do isn’t worth mentioning.»

Ganze inhaltliche Kategorien werden automatisch auf Facebook landen. Welche Musik höre ich gerade über Spotify? Welchen Film sehe ich mir gerade über Netflix an? Welche Artikel im Guardian lese ich? Alles landet im Feed. Und eben nicht nur das, was ich besonders gut und mitteilungswürdig finde.

Klar werden wir auch weiterhin einzelne Inhalte gezielt teilen können. Und damit diese von der «Massenware» unterschieden werden können, hat Facebook eben die Trennung von News-Feed in der mittleren Spalte und News-Ticker in der rechten Spalte eingeführt – automatisch Mitgeteiltes, «Aktivitäten», werden hauptsächlich rechts vorbei rauschen. Nur schon deshalb muss man Manjoos Kulturpessimismus wohl etwas relativieren.

Doch mit dieser Änderung setzt Facebook nicht einfach nur die Schwelle tiefer, was wir auf Facebook teilen. Die neue Philosophie verändert vielmehr die Definition dessen, was eine soziale Interaktion ist.

Bisher war der Vorgang, etwas auf Facebook zu teilen, ein aktiver Vorgang. Jemand eröffnet gezielt eine mögliche Interaktion. Ich sage: «Hey, liebe Freunde, schaut mal, was ich gefunden oder gedacht habe!». Und einige dieser Freunde gehen darauf ein und kommentieren: Soziale Kontakte sind hergestellt.

Mit dem neuen System ändert sich das: Ich mache, was ich halt so mache, ihr macht, was ihr so macht. Und irgendwann beschliesst ein Algorithmus von Facebook, dass jetzt eine gute Gelegenheit wäre, einen Kontakt zwischen uns herzustellen – dann nämlich, wenn Facebook meine Aktivität im Newsfeed eines meiner Freunde anzeigt (statt sie auszublenden oder rechts vorbei rauschen zu lassen).

Das muss so sein, denn die neuen Sharing-Funktionen werden viel mehr Meldungen erzeugen, das meiste davon Rauschen. Damit Facebook weiterhin benutzbar bleibt, müssen Algorithmen aussortieren.

Doch so verschiebt sich die Verantwortung für den sozialen Kontakt. Nicht ich löse den aus, sondern ein Algorithmus. Nicht ich benutze die Maschine als Werkzeug, das meine sozialen Kontakte vereinfacht. Sondern die Maschine entscheidet, wann ich mit wem Kontakt habe. Und weil diese Kriterien im Detail weder bekannt noch kontrollierbar sind, gebe ich damit Macht an die Maschine ab.

So formuliert tönt das recht beängstigend. Doch natürlich bestimmt Facebook unser Sozialleben nicht, sondern es ermöglicht eine zusätzliche Ebene des Kontaktes zu einem grösseren Personenkreis. Trotzdem wäre mehr Kenntnis und Kontrolle bezüglich der Algorithmen wünschenswert.
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