Playstation Vita: Glitzerglitzerkompliziert

Wenn man mir als kleiner Junge erzählt hätte, dass es mal ein Gerät wie die Playstation Vita geben werde, ich hätte wohl vor Aufregung wochenlang nicht mehr geschlafen. Die neue tragbare Spielkonsole, die Nachfolgerin der Playstation Portable, ist ein Wunderding der Technik. So antwortet Sony auf die neue Welt der Smartphones und Ein-Franken-Spiele.

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Die Welt der Spiele unterwegs hat sich in den letzten Jahren enorm verändert. Nicht mehr der Zweikampf von Nintendo DS und Playstation Portable ist relevant, sondern die Smartphones und der App Store. Plötzlich haben Telefonierer ein Spielgerät in der Tasche, ohne es mit Absicht gekauft zu haben. Und plötzlich kosten Spiele für unterwegs nicht mehr fünfzig Franken, sondern einen oder zwei oder gar nichts.

Der erste Versuch, auf diese Herausforderung zu reagieren, kam von Nintendo mit der 3DS – und Nintendo reagiert getreu ihrer Firmengeschichte, indem sie weitermachen wie bisher. Auf der 3DS spielen wir Spiele von Nintendo, Mario und Zelda. Und diese Spiele kaufen wir im Laden. 

Auch Sony tut nun das, was sie am besten können: Sie packen eine Tonne Technologie in ein stilvolles Gerät. Die Playstation Vita kann alles, was sich Gamer wünschen. Sie hat einen schnellen Vierkern-Prozessor. Sie hat zwei Analog-Sticks für beide Daumen. Sie hat einen Bewegungs-Sensor. Sie hat GPS. Sie hat WLAN und Bluetooth. Das 3G-Modell kann auch über das Handy-Netz aufs Internet. Sie hat zwei Kameras, eine nach vor, eine nach hinten. Sie hat einen tollen 12cm-OLED-Bildschirm. Der auch ein kapazitiver Multi-Touchscreen ist. Und um noch einen oben drauf zu setzen: Die Rückseite der Vita ist ebenfalls berührungsempfindlich, und auch hier hat man nicht gespart und eine kapazitive Multitouch-Oberfläche verbaut.

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Wie immer bei Sony wird eine Speicherkarte nicht mitgeliefert, man benötigt sie aber, um Spielstände speichern und Spiele über das Playstation Netzwerk herunterladen zu können. Es gibt 4 – 16 GB Varianten, für 25.- – 60.- Franken. Hier wollte man wohl einfach auf Biegen und Brechen den Preis des Systems unter 300.- drücken, obwohl die allermeisten dann eben doch 360.- ausgeben werden. Und weil es nicht etwa eine handelsübliche SD-Karte, sondern eine Sony-Memory-Card ist, ist sie unverhältnismässig teuer. Doch bevor jetzt alle aufjaulen: Im Vergleich mit einem Smartphone oder Tablet ist die Vita auch mit Speicherkarte immer noch sehr billig, und es steckt mehr Technologie drin. Umgekehrt ist sie aber doppelt so teuer als eine 3DS.

Die Vita ist die grösste Spielkonsole für unterwegs, deutlich grösser als eine 3DS oder ein Smartphone. In der Hand fühlt sie sich allerdings überraschend leicht an (obwohl sie mit 260 – 280 Gramm genau gleich viel wiegt wie die ursprüngliche PSP). Der Bildschirm ist beindruckend, auch wenn die Auflösung mit 960 x 544 ein bisschen geringer ist als die 960 x 640 des iPhone-4-Displays, auf einer wesentlich grösseren Fläche. Die Tasten ist man sich als Playstation-Spieler gewohnt. Erstmals bei einer Konsole unterwegs haben wir ausserdem zwei Analog-Sticks für beide Daumen zur Verfügung, endlich. 

Die Vita wird bereits mit einiger vorinstallierter Software geliefert, wir können z.B. Fotos und Videos machen (allerdings nur in VGA-Aufösung), Musik abspielen, Karten benutzen (Google Maps, allerdings ohne ÖV-Routenplaner, buuh!) und im Internet browsen (mehr schlecht als recht). Der Akku hält beim Spielen vier bis fünf Stunden, wieder voll aufgeladen ist die Vita in gut zwei Stunden. Das ist im Vergleich zu anderen tragbaren Spielkonsolen gut. Spiele können wir entweder im Laden kaufen, sie kommen auf einer kleinen Speicherkarte, die (jup, wie immer bei Sony) ein proprietäres Format hat. Oder wir laden die Spiele über das Playstation-Network direkt herunter, gespeichert werden sie dann auf dem oben erwähnten Memory-Stick.

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Die Benutzeroberfläche ist ein Frankenstein-Monster aus dem von der Playstation bekannten XMB (Cross Media Bar) und einem Schuss iOS/Android. Die Spiele und Anwendungen platzieren wir wie Apps auf dem Startbildschirm, bloss kugelrund statt eckig. Für meinen Geschmack benötigt vieles einen Klick zu viel (ein Spiel starten wir mit Klick auf das runde Spiel-Symbol, dann zusätzlich auf eine «Starten»-Schaltfläche) oder ist unverständlich kompliziert (ich schaue dich an, «Near»). Noch nicht alles funktioniert wie versprochen (ja, ich schaue dich an, «Near»). Wir Early-Adopter dürfen wohl noch ein bisschen betatesten.

Besonders interessant wird der direkte Vergleich mit der Nintendo 3DS werden. Die DS war ja unbestrittener die Königin unterwegs, mit über 70% Marktanteil. Doch viele der Gelegenheitsspieler sind auf die Smartphones abgewandert. Die 3DS war im Weihnachtsgeschäft zwar sehr erfolgreich, das könnte aber auch ausschliesslich dank Mario Kart und Super Mario 3D Land gewesen sein. Da Nintendo weiterhin vor allem die eigenen Spiele fördert und auf die Läden als Hauptvertriebskanal setzt, sind sie folglich auch völlig auf sich allein gestellt.

Die Vita ist dagegen eine Plattform, die auch für Entwickler ausserhalb von Sony interessant ist. Dank der vielfältigen Eingabemöglichkeiten (Sticks, Knöpfe, Bewegung, Kameras, Berührungsoberflächen vorn und hinten, GPS) und der Infrastruktur des Playstation Network könnte ich mir auch vorstellen, dass es Innovatives von kleineren Herstellern im Bereich von zehn Franken geben wird, nicht nur die grossen Spiele wie Fifa und Uncharted. Im Gegensatz zur 3DS hat Sony also auf die Zeichen der Zeit reagiert.

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Sony setzt aber schon darauf, dass es nach wie vor ein grosses Marktsegment von Spielern gibt, die bereit sind, mehr Geld für ihre Spiele auszugeben. Gegen den Massenmarkt iOS wird deshalb auch die Vita keine Chance haben; doch das Rennen gegen Nintendo ist im Gegensatz zur letzten Generation wieder völlig offe
n.

Das Launch-Lineup kann schon einige ansprechende Titel vorweisen. Diese habe ich kurz angespielt:

Wipeout 2048 ist grossartig, denn es ist Wipeout. Natürlich ist es nicht mehr das gleiche Erweckungserlebnis wie damals auf der ersten Playstation, denn da wurden Zeitgeist, Musik und Design in einem Spiel verdichtet. Aber es ist nach wie vor ein solider Racer mit toller Grafik, und es eignet sich sehr gut für das kurze Spielchen unterwegs.

Wipeout

Das fand ich dagegen bei Uncharted Golden Abyss nicht. Etwas verkrampft versucht das Spiel, die Features der Konsole zu demonstrieren (Streiche schnell über den Bildschirm, um den Fall zu verhindern! Touch-QTE! Wuärgs), und es warf mir zu viele Sammel-sie-alle-Rätsel aufs Mal an den Kopf. Ausserdem schwante mir ständig, dass es besser wäre, auf dem Sofa vor dem «grossen» Uncharted zu sitzen. Also eher ein Plan B für Eingefleischte, die jedes Uncharted gespielt haben müssen. 

Fifa Fussball sieht wie ein Miniatur-Fifa-12 11 aus. Die neue (optionale) Steuerung über den Touchscreen gefiel mir gut. Über den vorderen Touchscreen kann man passen und schiessen, einfach den Spieler oder das Tor antippen. Speziell ist die Schuss-Steuerung über den berührungsempfindlichen Rücken der Vita: Man tippt einfach die Tor-Ecke an, wo man den Ball haben möchte. Das ist zwar eine echte ergonomische Herausforderung – Daumen auf den Analogsticks, Zeigefinger auf den Schultertasten, und dann die Mittel- oder Ringfinger für das Touchpad. Ich vermute, dass die meisten über 30 dabei aus dem Mund schaumen. Aber die Idee ist innovativ und fühlt sich befriedigend an.

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Nicht so in Little Deviants, das ebenfalls das Touchpad einsetzt. Dort z.B. um den Boden aufzuwölben, um eine Kugel in die gewünschte Richtung zu bugsieren. Was einleuchtend klingt – man stösst sozusagen von hinten den Finger in den Boden, um ihn anzuheben – ist in der Praxis grauenhaft. Denn ich sehe meinen Finger da hinten ja nicht und kann darum nur sehr unpräzise auf die richtige Stelle tippen. Das Spiel verlangt aber eine präzise Positionierung. Bei einem Launch-Titel ist das aber nicht weiter erstaunlich, denn die Entwickler müssen gerade bei dieser neuen Steuerungsmöglichkeit erst herausfinden, was funktioniert und was nicht.

Die Playstation Vita ist wohl ein Gerät für kleine und grosse Buben. Teenager und junge Erwachsene werden die knackige Technik schätzen und die ausgewachsenen Spiele auf der Vita dem Kurzfutter der App Stores vorziehen. Damit spricht das System klar die Core-Gamer an, die auch bereit sind, mehr für Hardware und Spiele auszugeben, und die dafür ausgewachsene Spielerlebnisse erwarten. Für die meisten, die auf ihrem Telefon scrabbeln oder wütende Vögel in der Gegend herum werfen, ist die Vita aber wohl zu teuer und zu kompliziert.

Die Playstation Vita ist ab heute erhältlich. Sie kostet ohne 3G CHF 300.-, mit 3G CHF 370.-. Spiele im Laden kosten zwischen 40.- und 60.- Franken. Wer die Spiele direkt auf die Vita herunterlädt, zahlt rund 10% weniger, ein ziemlich lächerlicher Download-«Rabatt».
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4 Gedanken zu “Playstation Vita: Glitzerglitzerkompliziert

  1. Toller Beitrag! Bin ein Gamer und hab wohl die Promotion der Vita verpasst – Danke fürs Aufmerksam machen. Gut, der Vergleicht mit der 3DS, aber wie verhält sich Vita gegenüber der PSP? Ist es sinnvoll zum neueren Modell zu greifen?Schade nimmt Sony nie meine Vorschläge zur Verbesserung an :)freundliche GrüsseÄxu

  2. Naja, wenn du mal eine Vita in der Hand hattest, willst du wohl keine PSP mehr. Bessere Auflösung, Kameras, zwei Analogsticks statt einem halben, kein UMD-Laufwerk, 3G, GPS, viel schnellerer Prozessor, und halt der Umstand, dass wohl bald keine neuen Spiele mehr für die PSP produziert werden.

  3. Guter Beitrag! Und was ist mit den alten Spiele der PSP? Kann man die irgendwie auf den Stick schieben oder sind die dann "altes Eisen?

  4. Viele PSP-Spiele laufen auch auf der Vita, hier ist die Liste: <a href="http://blog.us.playstation.com/2012/02/09/how-to-download-psp-titles-to-ps-vita/">How to Download PSP Titles to PS Vita</a> (Playstation Blog).Das gilt allerdings <b>nur für PSP-Spiele, die über PSN heruntergeladen</b> wurden. Also nicht für Spiele, die man auf UMD gekauft hat. In Japan gibt es zwar das «UMD Passport»-Programm, mit dem man für einen Aufpreis ein Spiel auf UMD auf PSN herunterladen kann. Das soll es <a href="http://www.psu.com/Sony-reveals-why-North-America-Europe-wont-get-a-UMD-Passport–a014421-p0.php">laut diesem Bericht</a> in Amerika und Europa aber nicht geben.

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