KONY 2012: Grosserfolg mit evangelikalem Hintergrund

Es ist wie im Märchen: 100 Millionen schauen ein Video über Joseph Kony, den Anführer der Lord’s Resistance Army (LRA). Kony wird vom Internationalen Strafgerichtshof gesucht, ihm wird vorgeworfen, für 2’600 zivile Tote verantwortlich zu sein, 66’000 Kinder entführt und zu Kindersoldaten gemacht und zwei Millionen Menschen zur Flucht getrieben zu haben. Und jetzt soll er zur Strecke gebracht werden – dank dem Druck der Weltöffentlichkeit, ausgelöst durch ein Video.

Kony

Die Verbreitung des Videos «KONY 2012» (auf Youtube und Vimeo) ist sagenhaft. Noch kein virales Video zuvor hat so schnell 100 Millionen Views erreicht: in nur 6 Tagen. Aktuell hat die Youtube-Version 88 Millionen Views, auf Vimeo sind es 18 Millionen. Nach dem Rummel der ersten Woche kamen also «nur» noch 8 Millionen weitere Views dazu. Auch das zweite Video («KONY 2012: Part II – Beyond Famous») stiess mit 1.8 Millionen Views nicht auf ein vergleichbares Echo.

Ungeachtet dieses Abebbens ist die Verbreitung beeindruckend: Die Organisation hinter dem Video, «Invisible Children», nutzte zunächst ihre eigenen Freiwilligen und Sympathisanten, um einen ersten Anfangsschwung zu erzeugen. Dann sprangen die grossen Meinungsmacher der amerikanischen Twitter-Sphere auf: Oprah Winfrey, Justin Bieber oder P. Diddy twitterten über das Video, zum Teil mehrfach. Sie erreichen mit einem Retweet auf einen Schlag Millionen Follower (@Oprah: 11 Millionen, @justinbieber: 21 Millionen, @iamdiddy: 5 Millionen). Diese Unterstützung war kein Zufall: Die Liste der Personen mit einer solchen potentiellen Reichweite ist bekannt und klein; «Invisible Children» forderte ihre Unterstützer auf, gezielt Prominente auf Twitter anzuschreiben.

Kampagne zielt auf Jugendliche
Das Video wurde überdurchschnittlich oft auf mobilen Geräten geschaut, die grösste Altersgruppe sind Mädchen zwischen 13 und 17. Das Video wurde also vor allem von Jugendlichen gesehen – viele Ältere haben von ihren Kindern davon erfahren.

Bemerkenswert ist ausserdem, dass die Verbreitung im konservativen Zentrum der USA begann. Also nicht an den liberalen Küsten, wie man vielleicht angesichts der Occupy-Bewegung angenommen hätte. Dieses Netzwerk eher konservativer und christlicher Jugendlicher baut «Invisible Children» seit der Gründung 2004 gezielt auf: Mit Internet-Filmen, «Summer Camps» und Tourneen an Schulen.

Auch der halbstündige Film selbst ist auf Jugendliche zugeschnitten. Er lässt komplizierte Details weg, vereinfacht, personalisiert konsequent (sowohl den «Bösewicht» Kony als auch die «Guten», Regisseur/Protagonist Jason Russell und dessen Sohn). Er spricht gezielt die Emotionen weisser, junger College-Kids an, die sich noch nie zuvor mit den Problemen Afrikas auseinandergesetzt haben.

Ziel: Kony verhaften
Die Kampagne setzt sich zwei Ziele: Das erste («Make Kony famous») hat sie zweifelsfrei erreicht. Das zweite ist eine militärische Aktion, um Kony zu verhaften. Um dieses Ziel zu beurteilen, ist es natürlich noch zu früh – erhebliche Zweifel an der Realisierbarkeit sind dennoch angebracht.

Die Afrikanische Union (AU) hat am 23. März zwar auf Kampagne reagiert und angekündigt, eine internationale Truppe loszuschicken, um Kony zu finden und zu verhaften. 5000 Soldaten sollen von Uganda, dem Südsudan, der Zentralafrikanischen Republik und dem Kongo gestellt werden.

Allerdings weiss niemand, wo Kony steckt. Er versteckt sich mit seiner LRA in einem Gebiet, das sich auf mehrere Staaten verteilt und etwa so gross ist wie Grossbritannien. Einige hundert Mitglieder soll die LRA noch haben. Die sind ausserdem nicht alle an einem Ort versammelt, sondern operieren in kleinen Teams aus einer Handvoll Mann – könnten also sehr wohl über das ganze Gebiet verteilt sein. Wie die AU-Truppe diese versprengten Grüppchen finden soll, die seit Jahrzehnten nichts anderes tun, als sich im Regenwald zu verstecken, ist unklar.

Dazu lehnen unzählige Stimmen aus Uganda und anderen afrikanischen Staaten (ein Beispiel hiereine Zusammenstellung hier) eine militärische Aktion ab; ebenso die Verantwortliche der Vereinten Nationen für Kinder in Konflikten.

Ausserdem hat die AU mit dem drohenden Grenzkrieg im Sudan, dem möglichen Zerfall von Mali, dem anhaltenden Konflikt in Somalia oder den Umwälzungen im Nahen Osten bereits alle Hände voll zu tun. Schon jetzt wird angedeutet, das unklar ist, wer die vollmundig angekündigte Operation finanzieren soll. Die Lust auf ein militärisches Abenteuer im Regenwald Zentralafrikas könnte sehr schnell verfliegen. 

Evangelikaler Hintergrund
Doch auch wenn das zweite Ziel der Kampagne verfehlt werden sollte: Dass Kony plötzlich in aller Munde ist, ist eine Leistung, die Respekt verdient. Es stellt sich deshalb die Frage, wer denn diese Organisation «Invisible Children» ist. Und hier tauchen unangenehme Fragezeichen auf.

Die Organisation «Truth Wins Out», die sich für Rechte von Homosexuellen einsetzt, und das Blog «Talk To Action», das die religiöse Rechte der USA beobachtet, haben Verbindungen von «Invisible Children» zu rechtskonservativen, evangelikalen Kreisen aufgedeckt. 

«Invisible Children» soll gemäss dieser Quellen von evangelikalen Organisationen Spenden erhalten haben; sie arbeite in Uganda mit der Organisat
ion «Cornerstone Development» zusammen, die streng christliche Schulen baut; Jason Russell bezeichnet sich selber als evangelikal und stammt aus einer christlichen Familie; auch andere Kadermitglieder von «Invisible Children» haben Beziehungen zu christlichen Organisationen oder Personen (siehe Quellen unten). Es gibt verschiedene Verbindungen zu der evangelikalen Organisation «The Family».
«Invisible Children» ist eine kleine Hilfsorganisation (im letzten Jahr lediglich $4.6 Millionen Spenden-Einnahmen) und könnte bei Geldgebern nicht allzu wählerisch sein. Doch «Invisible Children» liess sich nicht nur von rechtskonservativen Gruppen finanzieren; sondern hat auch 2007 aktiv die Unterstützung einer streng christlichen Netzwerk-Organisation gesucht, der «Barnabas Group».

Natürlich gibt es viele Hilfsorganisationen mit religiösem Hintergrund. Doch diese Verbindungen gehen über privaten Glauben hinaus. Organisationen wie «The Family» oder die «Barnabas Group» vertreten «Intelligent Design» und Positionen, die sich gegen Homosexuelle und Verhütungsmittel richten. Das hat in Uganda eine besondere Brisanz, da das Land seit 2009 Homosexualität unter Strafe stellt. Der ugandische Abgeordnete David Bahati, der das Gesetz eingebracht hat, gilt als Mitglied der «Family». Er strebt in diesem Jahr eine Verschärfung des Gesetzes an und will neben lebenslänglicher Haft auch die Todesstrafe für Homosexuelle einführen.

Aufgrund dieser Verbindungen werden nun die Beweggründe von «Invisible Children» in Frage gestellt. Die Aktivisten von «Talk To Action» haben eine Tonaufnahme veröffentlicht,  auf der Jason Russell zu hören sei. Auf einer Konferenz 2005 bezeichne er seine Organisation als ein «trojanisches Pferd», das den Zweck habe, Jugendliche zu evangelisieren.

Das mag auch eine unglückliche Formulierung sein. Doch es nährt Theorien, dass es «Invisible Children» nicht in erster Linie um die Verhaftung Joseph Konys gehe, sondern um etwas, was die Aktivisten von «Talk To Action» als «stealth evangelism» bezeichnen.

Dieser Beitrag erscheint in leicht angepasster Form auch bei DRS 3: «KONY 2012: Grosserfolg mit evangelikalem Hintergrund».

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