Religion vs. Satire

Die NZZ am Sonntag meldet, dass der somalische Satiriker Abdi Jeylani Malaq Marshale beim Verlassen eines Radiostudios von zwei Männern erschossen wurde. Marshale machte sich regelmässig über die islamistische Shabab-Miliz lustig, die ihn deshalb bereits mehrfach bedroht hatte. Die NZZaS zitiert einen Journalisten aus Mogadischu: «Wenn die Leute über die Shabab lachen, verliert die Miliz an Schrecken und damit an Macht; das hat Abdi das Leben gekostet.»

Marshale

Es ist ein Argument, das Christen immer wieder auspacken, wenn sie sich von Satire in ihrem religiösen Empfinden verletzt fühlen: «Macht euch doch mal über den Mohammed lustig! Dann könnt ihr mal sehen, wie die Islamerer darauf reagieren!»

Ungeachtet dessen, dass das Argument auch immer kommt, wenn sich jemand gar nicht über Jesus, sondern z.B. über den Papst (wie unlängst und regelmässig die Titanic) lustig macht; und dass Marshale nicht Mohammed, sondern die Shabab veräppelte: Hier sehen sich diese Leute bestimmt in ihrem Denken bestätigt.


Das Argument «Warum müssen wir Christen uns immer alles bieten lassen? Wenn man über Mohammed witzelt, knallt’s ja auch!» ist uralt: Schon 1979 in der unsäglichen Diskussion um den Monty-Python-Film «Life of Brian» packt es einer aus (bei 2:58):

John Cleese kontert souverän: «You’re right, four hundred years ago, we would have been burnt for this film. I’m suggesting that we made an advance.»

Die selben Leute, die jedes Mal darauf hinweisen, dass in Ländern unter islamistischem Einfluss keine religiöse Satire geduldet werde, tun das immer nur genau dann, wenn sie selber in ihrem eigenen Land religiöse Satire verhindern wollen.

Sie benutzen eine barbarische Tat, unter dem Vorwand der Religion begangen, als Argument, um hier ein paar Witze zu verhindern. Um was zu erreichen? Die gleichen Regeln einzuführen wie Islamisten?

Bemerkenswert ist ferner, dass das Mohammed-Argument keineswegs eines ist, das erst nach 9/11 aufkam. Denn wenn das so wäre, hätte man es als Antwort auf einen wahrgenommenen Druck des Islamismus sehen können; und würde auf argumentativem Glatteis in Richtung Breivik schlittern. Aber nein, schon seit mindestens 30 Jahren bemühen Christen gern den Mohammed-Vergleich. Das hat System: Ziel ist es, das Christentum als benachteiligt und bedroht darzustellen. Angehörige einer bequemen Mehrheit halluzinieren sich in die Minderheit.

In den Leserzuschriften, die Titanic zu ihrer Papst-Sottise erhalten hat, wird sichtbar, dass die Strategie zumindest bei einigen verfängt und sie sich fanatischere Methoden zurück wünschen: «Warum kreiert ihr nicht mal eine Fotomontage mit dem Kopf Mohamed zusammen mit einer Nazi-Uniform? Wenn nicht, dann werden wir das tun und mit eurer Adresse an einige Salafisten schicken. Die werden Euch dann Eueren unnützen Drecksarsch aufreissen und Euere unnütze beschissene Drecksbude abfackeln.»

Wie sich ein so widerlicher Ausbruch von Zorn mit christlicher Nächstenliebe und Lukas 6:29 vereinbaren lässt, ist mir schleierhaft. Aber ich bin ja kein Theologe.

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