Das Ende der Geschichtsschreibung?

Nach dem Ende des Kalten Krieges verkündete Francis Fukuyama «The End of History». Mittlerweile hat sich die Hoffnung zerschlagen, westlich-liberale Regierungsformen seien die «final form of human government».

Nein, die Geschichte ist nicht zu Ende – was sich allerdings dem Ende zuneigen könnte, ist die Geschichtsschreibung.

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Als ich mein Lizentiat in amerikanischer Geschichte (Kennedy-Administration) schrieb, waren alle meine Quellen in Papierform. Ich reiste für einige Wochen nach Boston und Washington, D.C. und wühlte mich durch die Archive. Ich kam mit einem Koffer voller Kopien zurück. Gegenüber den wenigen Quellen, die aus dem Mittelalter oder gar der Antike erhalten sind, war das eine unglaubliche Fülle.

Wenn in Zukunft jemand eine ähnliche Arbeit über ein Kapitel der Obama-Administration schreiben möchte, wird sich diese Person vorkommen, als hätte sie den Wasserhahn im Bad aufgedreht und die Niagarafälle seien rausgekommen. Sie wird mit einem gewaltigen Archiv von E-Mails und anderen elektronischen Dokumenten zu kämpfen haben. Dazu wird eine Unmenge von Nachrichten und Kommentaren auf dem Internet die Stimmung der Öffentlichkeit spiegeln. Der Datenberg wird so riesig sein, dass er möglicherweise von einer Einzelperson nicht mehr zu bewältigen sein wird.

Die Geschichtswissenschaft wird darauf reagieren wie allen anderen Wissenschaften auch: weiteres Einengen des Forschungsgegenstandes, extreme Spezialisierung.

Umgekehrt wird es immer schwieriger werden, das zu verfassen, was Englischsprachige eine «overarching narrative» nennen: statt dem Blick auf das Detail der auf die grossen Strömungen, eine übergreifende Erzählung. Stattdessen wird man vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen.

Denn jede übergreifende Erzählung ist im Detail falsch, weil sie gerade dieses vernachlässigt. Je mehr Details, desto mehr Fehler, desto mehr Möglichkeiten, eine Deutung zu falsifizieren.

Und das ist Geschichte immer: eine Deutung. Im Idealtypus sagt sie natürlich, «wie es gewesen ist». Doch die Erfahrung hat uns gelehrt, dass Geschichtsschreibung immer auch sagt, «wie man es heute sehen will». Das klassische Beispiel dafür ist unsere Vorstellung des Mittelalters, die wesentlich geprägt ist von Historikern des 19. Jahrhunderts: Propaganda, um die jungen Nationalstaaten zu festigen.

«Deutung» ist aber nicht nur negativ zu verstehen. Denn neben der Befriedigung wissenschaftlicher Neugier hat die Geschichtsschreibung auch eine politische, gesellschaftliche Funktion: «So war es damals, lasst uns heute für morgen daraus lernen». Wenn es aber nicht mehr möglich ist, Übersicht zu schaffen, wird die Geschichtsschreibung dieser Funktion beraubt.

Auch auf dieses Problem ist die Reaktion vorhersehbar: Statt wie bisher «von Hand» Quellen zu lesen, in einen Kontext zu setzen, zu interpretieren und in eine Argumentationskette einzubauen, wird man sich anderen Methoden zuwenden. Man wird elektronisch verfügbare Daten mit statistischen Methoden analysieren. Man wird computergestützte Modelle erstellen und sie aufgrund der Daten verfeinern. Man wird die Datenberge algorithmisch zu bewältigen versuchen.

Das ist eine Entwicklung, die in vielen anderen Wissenschaftsbereichen ebenfalls stattfindet – es wäre seltsam, wäre die Geschichtsschreibung davon ausgenommen.

In der Ökonomie spricht man von «The Rise of the Quants». Der Mentor von Friedrich August von Hayek sah Ökonomie noch als eine Disziplin der Philosophie und sprach sich gegen statistische Methoden aus. Unter der Führung von John Maynard Keynes wurde die Ökonomie mit eben diesen Methoden zu einer Sozialwissenschaft umgebaut. Doch seit die Mathematiker und Statistiker an der Wall Street eingezogen sind, wird Ökonomie  als Naturwissenschaft verstanden. Ich glaube, dass die Geschichtsschreibung eine ähnliche Entwicklung durchlaufen wird.

Doch während Ökonomie und Geschichte einfach beschreiben, «wie es gewesen ist», erhebt die Naturwissenschaft einen anderen Anspruch: Ein gutes Modell beschreibt nicht nur die Welt, sondern es kann sie vorhersagen. Das ist die wissenschaftliche Methode: Messen, aus den Daten ein Modell konstruieren, daraus eine Entwicklung ableiten und dann die Vorhersage mit der Realität vergleichen.

Und natürlich wird auch hier mit statistischen Methoden gearbeitet. Man sagt nie «trifft immer zu», sondern «trifft in 93.5% der Fälle zu».

Problematisch ist diese Entwicklung, weil Ökonomie und Geschichte Studium am lebenden Objekt betreiben. Beobachter ist nicht von Beobachteten zu trennen. Eine geschichtswissenschaftliche Erkenntnis oder ein ökonomisches Modell beeinflussen wiederum Politik oder Wirtschaft. In Naturwissenschaften müsste man eine solche Beeinflussung eigentlich ausschliessen können.

Trotz dieser fundamentalen Einschränkung können diese neuen Methoden einen unheimlich verführerischen Sog entwickeln. Die kalten Zahlen vermitteln den Eindruck, absolut rational zu sein. Sie scheinen den Fehler menschlicher Irrationalität zu minimieren. Das wird man anstreben, denn schliesslich hat man das Ziel vor Augen, objektiv zu erzählen, «wie es gewesen ist».

Bis jetzt kann man Geschichtsschreibung gut auf die Formel «Menschen erzählen Menschen über Menschen» reduzieren. In Zukunft werden Algorithmen an dieser Erzählung einen wesentlichen Anteil haben. Ich glaube nicht, dass wir heute begreifen, welche Folgen diese Entwicklung für unser Selbstverständnis haben wird.

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Wo ist ein Youtube-Video blockiert?

Unser Hörer André Lardon fragte: Gibt es eine Methode, um bei einem Youtube-Video zu sehen, in welchen Ländern es blockiert wird (ohne selber in diesem Land zu sein)?

Ja, die gibt es.

Die einfache, aber etwas unbequeme Variante:

  • Quelltext des Videos ansehen
  • nach «regionsAllowed» suchen
  • in diesem Meta-Tag sind die Länder-Codes aufgelistet, wo das Video angezeigt werden darf.

Die bequeme, aber etwas komplizierte Variante:

  • Firefox verwenden, dort das Addon Greasemonkey installieren
  • Dann in Greasemonkey dieses Userscript installieren: «Where’s It Blocked?»
  • Das sollte eigentlich in der Beschreibung vom Video unter «Kategorie» und «Lizenz» die blockierten oder freien Länder (je nachdem, welche mehr sind) anzeigen

Leider hat das bei mir nicht funktioniert; ich musste deshalb noch eine kleine Korrektur am Skript vornehmen:

  • Benutzer-Skripte im Firefox-Addon-Manager öffnen
  • Bei «Where’s It Blocked?» auf «Einstellungen»
  • Dort auf «Dieses Benutzerskript bearbeiten»
  • Ganz nach unten scrollen und in der allerletzten if-Abfrage gleich nach der Klammer folgendes einfügen:
document.getElementById('watch7-player') &&

Also die Zeile:

if(document.getElementById('watch7-player').className=='unavailable-player' && !document.getElementsByClassName('submessage')[0].hasChildNodes()) {

muss korrekt heissen:

if(document.getElementById('watch7-player') && document.getElementById('watch7-player').className=='unavailable-player' && !document.getElementsByClassName('submessage')[0].hasChildNodes()) {

Speichern, dann sollte es klappen!

Mit diesem Video könnt ihr testen. Es wird blockiert in «Czech Republic, Germany, Slovakia, South Sudan».

Bittegerngschee!

[citation needed] Sticker

Randall Munroe von XKCD hat ja mal drüber gewitzelt, dass man das schöne [citation needed] der Wikipedia auch im richtigen Leben verwenden sollte.

citationneeded

Das finde ich auch, und drum habe ich folgenden Vorschlag:

Man drucke das angehängte PDF aus und klebe es auf alles mögliche in der Öffentlichkeit, das nach einem Beleg verlangt. Beispielsweise Werbeplakate mit Behauptungen. Und sofort eine bessere Welt!

Das [citation needed] PDF – einer, gross

Das [citation needed] PDF – mehrere, klein

Hey, und wenn ihr das tut, macht ein Foto und schickt es mir! Merci!

Noch tollere Thesen testen – neu auf WordPress

Mein altes Blog bei Posterous ist vorbei: Weil Posterous am 30. April 2013 geschlossen wird (eine Folge der Übernahme durch Twitter). Damit die ganzen Inhalte nicht einfach so verschwinden, habe ich sie alle hierher zu WordPress transferiert.

Beim Transfer kamen alle Bilder, Videos, Audios und auch die Kommentare mit. Z.T. gibt es ein paar krumme Formatierungen, die lasse ich so. Schade ist, dass Links auf andere Posterous-Blogposts natürlich immer noch auf Posterous verweisen – und damit ins Leere; also immer dann, wenn ich in einem Post auf einen anderen Post verwiesen habe. Da werdet ihr euch aber sicher mit der Suchfunktion behelfen können.

Ich werde noch etwas am Layout schrauben – sollte euch etwas stören: Kommentar.

Wohlan denn! Willkommen auf meinem neuen Blog!

Inkompetente Fleischfresser

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Schön, dass das mal einer sagt. Peter Rásony schreibt in der NZZ: «Wegen der grossen Preisdifferenz zwischen Pferde- und Rindfleisch ist der Anreiz zum Täuschen gross. Erleichtert wird dies durch die Inkompetenz der Konsumenten. In den letzten 40 Jahren hat sich der Verbrauch von rohem Rindfleisch in Grossbritannien halbiert, aber von Fleisch in Fertigprodukten fast versechsfacht. Mit ihrer Bequemlichkeit haben die Konsumenten die Kontrolle darüber, was sie essen, verloren.»

Wenn man nun verstärkte Kontrollen fordert und von missbrauchtem Vertrauen labert, fördert man exakt diese Inkompetenz. Und delegiert die Verantwortung dafür, was die Menschen in sich reinschaufeln. Hey, Tiefkühllasagne-Käufer! Du hättest ja auch beim Metzger leckeres Rindfleisch aus lokaler Produktion kaufen und selber kochen können. Stattdessen hast du nun Schweine-Anus und Pferde-Pimmel im Mund. Mmm! Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen.

Apropos Anus: Den grossartigen Cartoon «Bob’s Burgers» habe ich eben entdeckt, und da malt Lindas Schwester jede Menge After («Art Crawl»). Und natürlich wird auch die Fleischfrage besprochen, in Person von Moolissa, einem Rind mit blonder Perrücke («Sacred Cow»). Schauen!

RSS-Feed zu Games auf srf.ch

Nachdem ich offiziell meine Game-Kritik hier auf diesem Blog beendet habe (weil ich nun ausschliesslich auf srf.ch über Games schreibe), wünschten sich einige von euch einen RSS-Feed, um weiterhin meine Game-Kritik lesen zu können. Bisher konnten wir das auf srf.ch nicht bieten.

Nun ist es soweit: Die RSS-Feeds sind zurück! Juhui!

Damit beende ich nun die Doppel-Postings hier. Wenn ihr also weiterhin meine Texte zu Games bequem geliefert bekommen möchtet, dann abonniert mit dem Feed-Reader eurer Wahl die folgende Adresse:

srf.ch/wissen/digital/games

Solltet ihr nur der Kürze frönen wollen, könnt ihr auch nur die Haikiews abonnieren (im obigen Feed sind sie aber auch drin):

srf.ch/wissen/digital/games/haikiew

Ich würde mich freuen, euch und eure Kommentare dort anzutreffen!

Aufblasen mit «Hundreds»

Tippe Blasen an, damit sie wachsen. Wachsen sie auf 100 an: Gewonnen. Berühren sie sich, wenn sie rot sind: Verloren.

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Meine Game-Kritik für SRF: 

«Mal hektisch, mal überlegt; mal etwas Glück, mal eine gute Idee: In «Hundreds» wirken diese Betonungen immer gezielt gesetzt, nie zufällig. Mal fordert es uns, mal zwingt es uns zum Innehalten, mal lässt es uns leicht durch die Level gleiten. Meisterhaft.»

Solange ich euch noch keinen Ersatz-RSS-Feed bieten kann, poste ich hier Querverweise.