Inkompetente Fleischfresser

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Schön, dass das mal einer sagt. Peter Rásony schreibt in der NZZ: «Wegen der grossen Preisdifferenz zwischen Pferde- und Rindfleisch ist der Anreiz zum Täuschen gross. Erleichtert wird dies durch die Inkompetenz der Konsumenten. In den letzten 40 Jahren hat sich der Verbrauch von rohem Rindfleisch in Grossbritannien halbiert, aber von Fleisch in Fertigprodukten fast versechsfacht. Mit ihrer Bequemlichkeit haben die Konsumenten die Kontrolle darüber, was sie essen, verloren.»

Wenn man nun verstärkte Kontrollen fordert und von missbrauchtem Vertrauen labert, fördert man exakt diese Inkompetenz. Und delegiert die Verantwortung dafür, was die Menschen in sich reinschaufeln. Hey, Tiefkühllasagne-Käufer! Du hättest ja auch beim Metzger leckeres Rindfleisch aus lokaler Produktion kaufen und selber kochen können. Stattdessen hast du nun Schweine-Anus und Pferde-Pimmel im Mund. Mmm! Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen.

Apropos Anus: Den grossartigen Cartoon «Bob’s Burgers» habe ich eben entdeckt, und da malt Lindas Schwester jede Menge After («Art Crawl»). Und natürlich wird auch die Fleischfrage besprochen, in Person von Moolissa, einem Rind mit blonder Perrücke («Sacred Cow»). Schauen!

Enttäuscht vom iPhone 4S? Vielleicht mal die Prioritäten überprüfen

Wer nicht unter einem Stein lebt, hat es mitbekommen: Apple hat das iPhone 4S vorgestellt, und nicht das iPhone 5, wie das gaaanze Internet erwartet hatte. Und jetzt sind die Techblogger enttäuscht. Das extremste Beispiel, dass ich diesbezüglich gelesen habe, ist dieser als «Rant» gekennzeichnete Post von Mat Honan auf Gizmodo: iPhone 4S: I Am Disappoint.

Einige Zitate:

«I was hoping for more. My expectations were higher. I wanted something extra special, largely because I’ve been waiting for it for So. Very. Long.»

«We do want things that look new and different and notable.»

«I waited for the iPhone 5. And waited. And waited. And instead I got the iPhone 4S. »

«Make no mistake, Apple is going to sell a gazillion of these. Hell, I’m going to buy one. No question. But I’m going to do so reluctantly.»

Also echt jetzt? Es war sooo wichtig, dass Apple ein völlig neues Gerät herausbringt, lediglich 16 Monate nach dem letzten völlig neuen Gerät? Und es ist sooo schlimm, dass sie die komplett übersteigerten Erwartungen nicht erfüllt haben? Und es ist sooo schlimm, dass man dann trotzdem eines kaufen muss, allerdings schmollend wie ein kleines Kind?

Ich kann diesem Typen eigentlich nur eines empfehlen: Überprüfen Sie Ihre verdammten Prioritäten. Setzen Sie sich hin, denken Sie nach, spenden Sie z.B. etwas für den WWF oder das Rote Kreuz und hören Sie auf, wegen einem verdammten Telefon ein verdammtes Theater zu machen.

Louis CK sagt dazu die Wahrheit: «Everything is amazing and nobody is happy».

Schwurbeln über Avatare: Germanist entdeckt Guttenbergs wahres Motiv

Ach, Feuilleton! Da schmückt sich ein eitler Geck mit fremden Federn – aber statt sich mit der Erklärung zu begnügen, dass der wohl genau so faul und eitel gewesen sein mag wie viele, bloss etwas kaltschnäuziger, muss man nach den wahren Motiven fragen, die den Guttenberg zum Ex-Dr. gemacht haben.

So auch Manfred Schneider in der NZZ vom Dienstag, 24.5. (finde den Kommentar online nicht, lediglich eine Variante davon beim WDR, PDF hier). Schneider ist Germanist und liefert eine Erklärung, die „über den Katalog landläufiger Motive hinausgehe“ (alle kursiven Zitate sind aus der NZZ).

Dabei schiebt er den Schwarzen Peter schwupps in mein Metier: Schuld seien nämlich – wait for it – die „Computerspielchen„.

Angry Birds ist korrupt

200 Millionen können nicht irren? Doch! Dass so viele den Mega-Hit „Angry Birds“ spielen, entschuldigt dieses durch und durch korrupte Spiel nicht.

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Klar schmeissen wir alle gerne Klötzchen-Türme um, und diese fiesen grünen Schweine mit ihrem selbstgefälligen Grinsen haben es nicht anders verdient – doch „Angry Birds“ ist die spielerische Entsprechung eines Willkür-Regimes.

Globale Nahrungsmittelproduktion: FUBAR

Die Art und Weise, wie wir global Nahrung produzieren, ist komplett hirnrissig und FUBAR. Wir müssen sie auf der Stelle von Grund auf ändern. Die Fakten:

  • In wohlhabenden Ländern wie der Schweiz sind weniger als 10% unserer Haushaltsausgaben für Nahrungsmittel. [Quelle]
  • In den Industriestaaten sind Lebensmittel heute günstig, ein tiefer Anteil am Haushaltsbudget wird als Wohlstandsindikator gesehen (Quelle). Die Lebensmittelindustrie erreicht die niedrigen Preise durch intensive Massenproduktion, was nur mit einem hohen Energieeintrag gelingt (Dünger; fossile Brennstoffe für Heizung oder Transport).
  • Als Folge davon produziert die Landwirtschaft je nach Berechnungsart zwischen 15 und 30% der klimawirksamen Treibhausgase, nicht nur CO₂, sondern auch Methan (CH₄) und Lachgas (N₂0). [Quelle]
  • Die Verteilung der Produktion funktioniert nicht. Fast eine Milliarde Menschen hungern (Quelle). Gleichzeitig sind eine halbe Milliarde Menschen fettleibig (Quelle).
  • Und wir produzieren viel zu viel: 1.3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel, ein Drittel der jährlichen Produktion, werden weggeworfen. [Quelle]
  • Es wird nur schwieriger, weil die Bevölkerung wächst (+34% auf 9 Milliarden bis 2050) und in die Städte zieht (2050: 70% lebt urban, gegenüber 49% heute). [Quelle]

Wir produzieren für die Falschen und verschwenden dafür zu viel Energie. Das muss aufhören.

Folgendes würde helfen:
  • Lokale Produktion
  • Extensive, nachhaltige Produktion mit komplexen Fruchtfolgen statt Dünger
  • Weniger Fleisch

Logitech vs. Frauen

Logitech resp. die PR-Agentur vademecom möchte uns darauf aufmerksam machen, dass sie „dem weltbekannten Feng-Shui-Experten Paul Darby die spannende Frage gestellt“ haben, wie man denn seinen ganzen digitalen Krempel und Feng Shui unter einen Hut bringt.

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Paul Darby, Experte, und total wohlige Frau. Fotos: Logitech

Kollega Müller sagt, er wisse genau, wie dieses Meeting in der Marketing-Abteilung verlaufen sei. Ungefähr so:

  • Man stellte bedauernd fest, dass man nicht mehr so viele Mäuse verkauft wie auch schon (z.B. -25% Umsatz im Q3 2009).
  • Man fragte sich, wer denn noch keine Logitech-Maus hat.
  • Man schlug sich an die Stirn und rief aus: Die Frauen!
  • Man überlegte sich, wie man die Frauen anspricht. Die sollen so einfühlsam sein, und gern wohlige Wohnungen mögen!
  • Man klopfte sich reihum auf die Schultern: Zack, Umsatz verdoppelt!

Musikindustrie vs. renitente Nerds

Lege dich nicht mit renitenten Nerds an. Dieser Wahrheit muss die Musikindustrie einmal mehr ins Gesicht blicken.

Nachdem die High-Profile-Prozesse gegen Mininova und vor allem die Pirate Bay nicht wirklich zu einem Rückgang der Piraterie geführt haben, bewegt sich die Torrent-Szene mit Schwung in eine Richtung, die genau solche Prozesse in Zukunft verunmöglichen wird.

Die Pirate Bay kündigte nämlich an, ihren Tracker abzuschalten und stattdessen nur noch mit DHT und Magnet-Links zu arbeiten.

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Kurze technische Erklärung: Um per Bittorrent Filme, TV-Serien, Musik oder Software herunterzuladen, braucht man einen Torrent-Client (z.B Vuze). Ausserdem muss man die .torrent-Datei suchen (das nicht die gewünschte Datei selber, sondern nur Metainformationen über den Torrent enthält). Das tut man eben auf Torrent-Suchmaschinen wie Mininova oder der Pirate Bay. Wenn man nun diese .torrent-Datei mit seinem Torrent-Client öffnet, meldet sich dieser Client zuallererst beim Tracker an – das ist der Server, der den Torrent organisiert und weiss, welche anderen Clients den gleichen Torrent laden.

Neben der Suchmaschine ist also der Tracker ein zentraler Punkt in einem P2P-Netzwerk. Und weil jemand diesen zentralen Server betreiben muss, haben die Anwälte der Musikindustrie damit einen natürlichen Angriffspunkt für Prozesse.

Nun will die Pirate Bay genau diesen Tracker abschalten, aus nachvollziehbaren Gründen. Wie funktionieren dann aber in Zukunft die Torrents der Pirate Bay? Ganz einfach: über die DHT, die Distributed Hash Table. Hinder dem komplizierten Namen steht ein ganz einfaches Prinzip: Statt die Informationen über Torrents zentral auf einem einzigen Server abzulegen, wird diese Datenbank auf die Clients im P2P-Netzwerk verteilt. Wenn ein Client also eine .torrent-Datei öffnet, erkundigt er sich nicht mehr bei einem zentralen Server über die Zustand des Torrents, sondern bei den anderen Clients.

Damit fällt die Notwendigkeit eines zentralen Servers einfach weg. Stattdessen machen es die Nutzer im P2P-Netzwerk selber untereinander aus. Statt einem Angriffspunkt eine Million.

Wer sich jetzt frohlockt, freut sich zu früh. Die Musikindustrie hat diese Entwicklung nämlich durchaus begriffen und vorausgesehen. Deshalb haben die grossen Branchenverbände IFPI (international) und RIAA (USA) schon seit gut einem Jahr die Strategie gewechselt: Statt weiterhin auf Einzelprozesse gegen Filesharer zu setzen, wollen sie nun Bittorrent grundsätzlich kriminalisieren. Wer beim Benutzen von Bittorrent erwischt wird (egal wofür), soll vom Internet gekappt werden.

In Frankreich ist das Gesetz schon durch; in Grossbritannien in Vorbereitung; und auch die EU hat soeben ein Entwurf verabschiedet, der diese Art von „Three Strikes„-Gesetz möglich macht. All diese Gesetzesvorlagen entstanden dank massivem Lobbying der Content-Industrien.

Je nach nationaler Ausgestaltung gibt es Bedenken zur Rechtsstaatlichkeit dieser Vorlagen (z.B. Entscheidet ein Richter oder eine Behörde? Hat man das Recht auf einen Prozess, wenn ja vor der Sperrung oder erst nachher?). Das Hauptproblem ist aber nicht die Rechtsstaatlichkeit, sondern der Umstand, dass die Gesetzgeber offenbar bereit sind, den Bürgern den gesamten Internet-Anschluss zu kappen, weil sich die Content-Industrie bedroht sieht. Das ist eine Frage der Verhältnismässigkeit. Auf der einen Seite steht das Interesse der Musikindustrie, mit ihren Erzeugnissen Geld zu verdienen. Und auf der anderen das Recht der Bürger auf freien Zugang zu Informationen.

Die Musikindustrie hat das komplizierte Skalpell des Prozesses weggelegt und stattdessen den Holzhammer ausgepackt. Das ist Massive Retaliation, da geht es nicht mehr um Bestrafung, sondern um Rache und Abschreckung.

Als ob das nicht schon Grund genug wäre, sich aufzuregen, publiziert das Blog der britischen Times diese Grafik: 

Revenue

Gesehen? Während der Umsatz der britischen Musikindustrie mit Aufnahmen (CDs) in den letzten vier Jahren gesunken ist, hat der Umsatz mit Live-Konzerten so stark zugenommen, dass er den Verlust bei den CDs nicht nur wettmacht, sondern dass die Industrie als ganzes sogar MEHR Umsatz macht als vor vier Jahren. Die Musikindustrie verdient mehr, nicht weniger.

Auch wenn das nur einige Jahre in einem einzelnen Land sind, kann man doch diese These wagen: Was hier stattfindet, ist NICHT der Niedergang einer ganzen Industrie, sondern eine Verschiebung der Einkünfte innerhalb dieser Industrie. Und zwar
weg von den Labels, hin zu den Konzert- und 360°-Agenturen und den grossen Künstlern (die es sich leisten können, 200.- oder mehr für ein Konzert zu verlangen).

Das ist also alles andere als der Überlebenskampf, von dem uns die Lobby-Organisationen die Ohren vollheulen. Das ist ein Verteilkampf. Es ist deshalb empörend, dass sich Staaten zu Komplizen machen und bereit sind, Grundrechte zu opfern, um die Interessen einer Industrie zu wahren, die sich verzweifelt an alten Geschäftsmodellen festklammert.

Ethisch liegt die Sache übrigens klar: Es ist richtig, dass Musiker heute wieder mehr Geld mit Live-Auftritten verdienen, als mit dem Verkauf von CDs. Das ist der Urzustand: Musiker als Performer. Die Möglichkeit, Musik aufzunehmen, gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Erst dadurch wurde es möglich, dass ein Künstler ein einziges Mal eine Performance aufnehmen kann, und dann mit dem Verkauf von unzähligen Kopien dieser Performance (die so gut wie nichts kosten) unanständig reich werden kann.

Aufgenommene Musik ist nichts anderes als Werbung für das Original, die Live-Performance. Für Werbung zu bezahlen ist absurd. Die Live-Performance als Haupteinnahme-Quelle für Musiker ist ausserdem auch in einer globalisierten Kultur gerecht: Auch der grösste, weltbekannteste Künstler kann nicht immer überall sein. Das gibt Platz für die Kleinen, Lokalen. Klar, wenn Robbie Williams spielt, hat die kleine Band am selben Abend keine Chance. Aber Robbie ist nur einmal alle paar Jahre hier. In der Hitparade hingegen sind seine Kopien ständig präsent.